Projekt
Der Buddha
erlangte die höchste Verwirklichung dadurch, dass er einen mittleren Weg
verfolgte, welcher extreme Ansichten verwirft, die die Wirklichkeit so
wahrnehmen, als bestünde sie aus isolierten, unabhängig existenten Gegebenheiten.
Eine Schlussfolgerung, die sich daraus ergibt ist die, dass wir Wahrheit nie durch das Verständnis von isolierten Positionen erfassen können, wir müssen vielmehr ihren Kontext und ihre Relativität verstehen. Darum ist auch der Buddhismus keine isolierte und unabhängige Tatsache. Er entstand in Abhängigkeit von kulturellen, historischen und psychologischen Faktoren. Indem sie diese Einsicht als grundlegend erkannt hat, widmet sich die Stiftung „The Middle Path Foundation“ dem Erschaffen eines Ortes, wo Buddhistische Theorie und Praxis in bewusstem Bezug zum westlichen kulturellen Kontext, in den sie eingetreten ist, studiert und praktiziert wird. Das ist der „Middle Path for the West“.
Bewusstsein über den Kontext beinhaltet ebenfalls das Bewusstsein, dass der Tibetische Buddhismus im Westen nicht unabhängig von der schwierigen Situation, die im historischen Tibet vorherrscht gesehen werden kann. Dort ist nämlich wirkliche Religionsfreiheit nach wie vor beeinträchtigt. Die Sorge um die Situation in Tibet wird durch den „Middle Path for Tibet“ aufgenommen.
Die beiden sich
abzeichnenden Bereiche können noch
detaillierter umschrieben werden:
Das Bewusstsein über den Kontext im Westen beinhaltet Bewusstheit über prägende psychologische, kulturelle und religiöse Faktoren der westlichen Welt. Aus diesem Grund sollte traditionelle buddhistische Praxis und Theorie nicht unabhängig vom westlichen Kontext gelebt, gelehrt und studiert werden. Aus dieser Sichtweise ergeben sich viele mögliche Bereich für Studium, Lehre, Forschung und interkultureller Kommunikation. Vorderhand möchten wir folgende Bereiche hervorheben:
1. Studium
des Buddhismus.
Als Grundlage
für einen Dialog mit westlichen Werten soll
das Studium und die Lehre der traditionellen Inhalte des Tibetischen
Buddhismus
einschliesslich der
Meditation zugänglich gemacht und gefördert werden. Dies soll mittels
Belehrungen durch qualifizierte Lehrer und Lehrerinnen des Buddhismus, die an
einem solchen Dialog interessiert sind, ermöglicht werden.
Dieses Studium
des Tibetischen Buddhismus ermutigt nicht nur ein ernsthaftes, in die Tiefe
gehendes Studium der Gelug pa Tradition, wie sie hauptsächlich durch S.H. den Dalai Lama
vermittelt wird, sondern soweit möglich ebenfalls ein Studium der Bezüge dieser Lehren zu den andern bedeutenden
Überlieferungen des tibetischen Buddhismus, nämlich derjenigen der Nyingma,
Kagyu und Sakya. Auf diese Art soll ein Beitrag gegen sektiererische
Abgrenzungen geleistet werden, ohne dass die Tiefe und der Reichtum geopfert
werden sollen, die aus der Konzentration auf eine ausgewählte Tradition entstehen. Entsprechend sollen LehrerInnen aus den verschiedenen Traditionen des Tibetischen
Buddhismus eingeladen werden, die ihr Wissen über relevante Themen ihrer
Tradition weitergeben und sich mit andern LehrerInnen und den Schülern darüber
austauschen. Austausch soll auch gepflegt werden mit nicht Tibetisch
Buddhistischen Traditionen wie Theravada und Zen. Das Studium soll auch die
westliche historische Forschung und Kenntnis zum Buddhismus als Erscheinung,
die in Abhängigkeit von Zeit und regionalen Einflüssen entstanden ist,
integrieren.
2. Studium
des Buddhismus im Kontext: Psychologie und Psychotherapie.
Die Inhalte des
Buddhismus werden auf Gebiete des westlichen Wissens und Forschung bezogen. Insbesondere soll die Beziehung zur
westlichen Psychologie ergründet werden.
Gewicht wird auf die Psychologie von C.G. Jung gelegt werden, die bereits verschiedene Bezüge zum
Buddhismus aufweist. Insbesondere vermeidet der zentrale Ansatz der Psychologie
von C.G. Jung extreme Positionen und spiegelt dadurch die grundlegende
Ausrichtung der Anschauung der Philosophie des Mittleren Weges. Das Studium der
Jungschen Psychologie bringt auch eine Wertschätzung der archetypisch
fundierten gemeinsamen Basis mit sich, die hinter den verschiedenen Formen der Religion
und Mythologie wirksam ist.
Dieser Bereich
beinhaltet ebenfalls die Erforschung der Beziehungen zwischen Therapie, psychologischer
Beratung/Seelsorge und buddhistischer Meditation. Spezielle Beachtung wird Techniken
gewidmet, die dem spontanen Ausdruck von inneren Inhalten Raum geben. Dazu
gehören zum Beispiel die Sandspiel
Therapie, die auf der Grundlage der Jungschen Psychologie entwickelt worden ist,
und expressive Formen der Kunsttherapie.
Bereiche der Untersuchung können auch
die Kombinationsmöglichkeiten von traditionellen buddhistischen Techniken der Meditation
und westlichen therapeutischen Methoden zur Förderung von geistiger Entwicklung
und geistiger Gesundheit sein.
3. Studium des Buddhismus im Kontext: Frauen und Buddhismus.
Ein wichtiger Bereich der sozio-psychologischen Realität, die sich im
Westen entwickelt hat, besteht in einer neuen Definition der Stellung der Frau
in der Gesellschaft, die mit der Position der Frauen in der Geschichte des
Buddhismus kontrastiert. Gleichzeitig
hat der Buddhismus, speziell in seiner
tantrischen Ausprägung eine tiefe Vision der Würde des Weiblichen
entwickelt, die dem neu erwachenden weiblichen Selbstbewusstsein im Westen eine
neue Dimension zufügen kann. Darum kann eine Verbindung von buddhistischen
Einsichten und westlicher Wirklichkeit
in diesen Fragen einen viel versprechenden Bereich darstellen.
Buddhistische
Belehrungen sollten bezogen sein auf die Suche nach einer neuen Geschlechtsidentität
in Männern und Frauen und neu entstehenden Formen der Beziehung, die im Westen an
Bedeutung gewinnen. Wie andere Religionen ist der Buddhismus hauptsächlich von
Männern für Männer begründet, gelehrt und von Männern praktiziert worden. Entsprechend
der unterschiedlichen Entwicklung für Frauen und Männer sollte auch der
geistige Weg bestimmte wichtige Unterschiede aufweisen. Das ist ein Bereich,
der sorgfältig erforscht werden sollte.
5. Studium
des Buddhismus im Kontext: Wissenschaft und Buddhismus.
S.H. der Dalai
Lama hat die Notwendigkeit betont, dass die Mönche von traditionellen
Tibetischen Klöstern sich mit westlichen Formen der Naturwissenschaft vertraut
machen sollten. Entsprechend würden wir gerne die Wirkung der
wissenschaftlichen Sichtweise auf die hergebrachte buddhistische Auffassung von
der Welt und Impulse, die die philosophische Sicht der westlichen
wissenschaftlichen Betrachtungsweise geben kann, studieren.
6. Studium des Buddhismus im Kontext: Verschiedene
westliche Werte und Buddhismus.
Gewiss können auch andere Fragen aufgegriffen werden. Hier kann man zum
Beispiel an die unterschiedliche Rolle der Lehrer und Lehrerinnen im
traditionellen Buddhistischen Kontext denken. Ein weiteres, zum Teil damit
verknüpftes Thema, wäre eine Reflexion des Gegensatzes zwischen tibetischen
hierarchischen Systemen und den westlichen demokratischen Werten. Das
hauptsächliche Anliegen ist die Bewusstmachung der Rolle des Buddhismus
innerhalb einer westlichen Gesellschaft
im Unterschied zum traditionellen Tibet. Das beinhaltet auch die Suche nach
Gemeinsamkeiten und Unterschieden von Buddhismus zur Christlichen und Jüdischen
Geistigkeit und anderen geistigen Strömungen, die den Westen beeinflussen und
prägen.
In Tibet dem Ursprungsland des Tibetischen Buddhismus ist die Existenz des Buddhismus in Frage gestellt. Seine Entwicklung ist stark eingegrenzt worden. Das ist unter anderem durch die Flucht von wichtigen Lamas wie dem Karmapa sichtbar geworden. Die Freiheit der Praxis der Religion ist auch durch die Kampagne gegen den Dalai Lama als „Spalter des Mutterlandes“ beeinträchtigt. Die Stiftung unterstützt im Wesentlichen die Politik des Dalai Lama, die er als den „mittleren Weg“ definiert hat, solange er diesen Weg als den Besten ansieht. Dieser Weg beinhaltet wirkliche Autonomie von Tibet innerhalb von China („Tibet“ beinhaltet sowohl die so genannte “Tibetisch Autonome Region” wie auch die Gebiete mit so genannten “Tibetischen Minoritäten”, die in verschiedenen chinesische Provinzen integriert worden sind.
Wir beabsichtigen auch eine aktive Unterstützung von Projekten, die dazu beitragen, dass freier Raum für die buddhistische Praxis in Tibet geschaffen wird. Dies kann die aktive Unterstützung von monastischen Institutionen in Tibet beinhalten. sowie den Austausch von Dharmalehrern und Dharmalehrerinnen zwischen dem Westen (Indien eingeschlossen) und Tibet. Möglich sind auch politische Initiativen, die die Menschenrechtssituation und Religionsfreiheit und wahre Autonomie fördern, z.B. durch Unterstützung eine Dialoges zwischen Tibetern im Exil und China.